Article by Fabian Petschnig

Selbsttherapie statt Kommunikation: Alkohol und Drogen aus Angst vor Gefühlen

Der Griff zu Alkohol und Substanzen kann viele Gründe haben, aber bei häufigerem Konsum liegen diese meist nicht im reinen Vergnügen des Rausches. Unterstützt durch eine Gesellschaft, in der vor allem der Alkohol eine derart hochgradige Anerkennung genießt, dass eher die Frage gestellt wird, warum man denn nichts trinke als umgekehrt, ergibt sich ein zusätzliches Gefahrenpotenzial. In manchen Kreisen kursiert zudem noch das schon fast heroisierte Kokain, das ein noch höheres Suchtpotenzial birgt. Auch Marihuana ist weit verbreitet, genauso wie MDMA oder Speed, im worst case sogar Heroin und Crack. Doch Missbrauch beginnt nicht erst bei regelmäßigem Trinken oder Drogenkonsum – vielmehr entscheiden die Intentionen. Und nicht selten sind diese falsch. Männer sind häufiger vom Alkoholismus betroffen als Frauen, was seine Gründe hat. Unverarbeitete Gefühle, unausgesprochene Ängste, unemanzipierte Männer aufgrund des Patriarchats.

Dass Männer gesellschaftlich anerkannt weinen dürfen, ist ein relativ neues Phänomen. Auch ich bin noch nach dem alten, „starken“ Männerbild aufgewachsen. Im familiären Umfeld durfte ich es. Aber da draußen in der Welt? Da zog ich als weinender Junge eher Spott auf mich. Somit verlernte ich aus Selbstschutz langsam aber doch, meine Gefühle auszuleben.

Über die Jahre hinweg festigte sich, was äußerst ungesund ist. Ein Rollenbild, dem niemand gerecht werden kann. Denn immerzu das zu unterdrücken, was in einem steckt, musste Konsequenzen nach sich ziehen. Eine davon war die Depression. Ein Resultat derselben: Aggression. In Kombination mit dem allwöchentlichen und unvernünftigen Treiben eines Teenagers samt Trinkeskapaden war das eine wohl gefährliche Kombination.

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Aber wohin mit all der Trauer? Wuchs ich doch sehr arm auf. Hatte lange das Gefühl, dass meine Perspektiven nicht sehr weit gestreut sind. Und dass das Leben nicht viel für mich bereithält. Außer eben diese Wochenenden, nach denen ich torkelnd heim marschierte. So oft berauscht zu sein, fiel niemandem wirklich negativ auf – denn das ist ja normal in unserer Gesellschaft, solange man ein Mann ist. Als Frau sieht da die Welt natürlich wieder anders aus. Aber letztlich nahm der in mich gefressene Frust in Kombination mit dem Alkohol ein – schließlich gutes, aber zunächst – fatales Ende.

Alkohol und Depression: Eine gefährliche Mischung

Männer, die trinken, werden häufig aggressiv. Männer, die depressiv sind, werden häufig aggressiv. Aber was passiert, wenn Männer, die depressiv sind, trinken? Genau, ihre Hemmschwelle sinkt derartig, dass jeder kleinste Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen kann. So geschah es, dass ich vor Gericht landete. Vor allem deshalb, weil ich eine Situation nicht friedlich lösen, sondern den inneren Schmerz und meine Unsicherheiten in Form von Schlägen rauslassen wollte. Diese Situation musste jemand lösen, doch meine Form war keineswegs gesund. Absurderweise waren es nämlich zwei andere betrunkene Männer, die ihre gesunkene Hemmschwelle gerade an einer Frau abzureagieren versuchten.

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Mein Beispiel ist eines jener, die einen guten Ausgang nahmen. Denn die gerichtlich verordnete Bewährungshilfe samt Therapie ließ mich eines verstehen: Ich sollte weniger trinken. Vor allem dann, wenn es mir nicht gut geht. Zu dieser Zeit ging es mir in Wirklichkeit nie so richtig gut. Während ich also erst lernte, nicht mehr zu trinken oder aggressiv zu sein – sprich die Symptome zu bekämpfen -, kam langsam zum Vorschein, dass hinter meinem Verhalten etwas anderes steckte: Eine Depression und Selbsttherapie durch Alkohol.

Was das Patriarchat mit Männern macht: Alkoholismus als eines der vielen Resultate

 

Der Rausch zum Herunterkommen. Den Frust ertränken. Trauer mit einer Flasche Wodka einfach beiseiteschieben. Während in Österreich 7,5 % der Männer als alkoholabhängig eingestuft werden, trifft dies “nur” 2,5 % der Frauen zu. Ohne jetzt groß mit Zahlen zu jonglieren, begeben sich circa doppelt so viele Frauen in Psychotherapie wie Männer. Als dritter Fakt ist noch zu nennen, dass Männer drei- bis viermal so häufig Suizid begehen. Dass es sich hierbei nur um Korrelationen handelt, ändert nichts an der Tatsache, dass bei Männern offensichtlich ein schlechteres Verhältnis zu ihren Gefühlen besteht, als eben bei Frauen oder anderen Geschlechtern.

Die Männerinfo steht Männern in Österreich rund um die Uhr unter 0800 400 777 zur Verfügung und fungiert als Schnittstelle und Vermittler zu den Männerberatungsstellen in ganz Österreich. Egal ob Krisensituation oder emotionale Herausforderung.

Rausch statt raus mit den Gefühlen: Alkohol als gefährliche Selbsttherapie

Obwohl sie nicht maßgeblich der Grund für eine Alkoholsucht sind, spielen psychische Probleme häufig eine Rolle. Eine der gängigsten Korrelationen zum Alkoholismus sind Depressionen. In unsere Gesellschaft sind psychische Störungen und Erkrankungen bereits geschlechtsunabhängig von vielen Stigmata belastet. Durch das Patriarchat verstärkt sich das Phänomen jedoch bei Männern nochmals.

Statt also in der Psychotherapie den Problemen offen entgegenzutreten oder mit den Freundinnen, Freunden, der Partnerin oder dem Partner über seine Gefühle zu sprechen, versuchen Männer nicht selten, die Dinge totzuschweigen. Das liegt aber keineswegs an biologischen Voraussetzungen. Noch weniger liegt es daran, dass ja alles nicht so schlimm ist. Sondern einzig und allein trägt ein falsches Männerbild die Verantwortung, in dem ein Mann nur dann männlich ist, wenn er auch in Hinblick auf seine Gefühle stets stark bleibt.

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Was dann übrig bleibt, ist Einsamkeit – im Verarbeiten von Gefühlen oder auch im temporären Kampf gegen sie. Wer das Verhalten von Männern nach beispielsweise  Trennungen beobachtet, erkennt häufig ein paradoxes Verhalten. Während für gewöhnlich Trauer nach Verlusten eintritt, begehen Männer häufig den radikal anderen Weg. Sie stellen sich selbst nach außen als glücklich dar und legen nicht selten einen promiskuitiven Lebenswandel an den Tag. Dabei tarnen sie ihre wahren Gefühle und lenken ab. Andere durch Überschwänglichkeit, sich selbst häufig durch Alkohol und Drogen. Dieses Verhalten oder eben auch gesteigerte Aggression kommen bei Männern häufig in emotional herausfordernden Situationen zum Vorschein. Bei längerfristigem Anhalten mündet dies zudem nicht selten in einer Alkohol- oder Drogensucht und endet traurigerweise zu oft in Gewalt gegen Frauen.

Solange sich also auch Männer nicht aus den Ketten des Patriarchats befreien, bleiben sie ebenso Opfer in diesem System. Also Männer, emanzipiert euch, statt eure Gefühle zu ertränken.

In der Serie “Unlearning patriarchy” verlernen wir uns beigebrachte Geschichte und lernen sie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Das Schreiben einer gemeinsamen „We-Story” beginnt damit, die alten Geschichten zu verlernen. Sanft, freundlich und vor allem mit dem Vorsatz wenig zu werten.

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